JAKOBSWEG 2016

Von Köln bis Burgos auf vier Pfoten (Ein Auszug)

Unser Camino begann in Köln und sollte in Burgos enden. Nach fünf Kilometern waren wir in Brühl, der kleinen, aber nicht minder interessanten Stadt mit ihren Gässchen und dem Schloss mit den dazugehörigen Parkanlagen. In der Pfarrei wartete ein Vierbettzimmer auf uns. Alles war spärlich, aber sauber. Die Nacht war wie immer und wenn ich sage wie immer, dann meine ich die Nächte mit meinem Fero. Sie sind eben speziell. Aufstehen, hinlegen, anstupsen, hinlegen, aufstehen, Decke zurechtziehen und wieder hinlegen. So eine Nacht ist je nach Sichtweise zu kurz oder zu lang. Auf jeden Fall habe ich, hat jeder von uns, zu wenig Schlaf. Nun ging es weiter über Bad Münstereifel, Blanckenheim, Kronenburg, Prüm, durch die Eifel über Echternach nach Trier.  Das Hundefutter geht zur Neige und da ich nicht weiß, ob es im nächsten Ort leckeres Fressen für Fero gibt, muss ich mich also wieder auf die Suche begeben. Mein Handeln erinnert mich doch sehr an die Zeit der Jäger und Sammler, die ihre Hauptaufgabe darin sahen, etwas für die Bevorratung zu tun. Eigentlich wollten wir auf dem Weg ins Hotel am Ortseingang Feros Versorgung garantieren, wollte aber auch nicht mit den Futterdosen ins Hotel. Ich hätte sie kaufen sollen, das Hotel befindet von dem Markt in zwei Kilometer Entfernung. Ich erkundigte mich in der Hotelrezeption nach Fressbarem für Fero und bekam eine positive Antwort. „Gleich in der Nähe, da vorn in der Nähe vom Hotel. Die haben Tierbedarf und Hundefutter.“ Das gab es tatsächlich in vielfältiger Auswahl und vor allen Dingen in Top-Qualität. Da die kommenden Streckenabschnitte ohne Infrastruktur sein werden, versorgte ich mich 2,5 Kilogramm Trocken- und Nassfutter und sorgte damit für eine deutliche Gewichtszunahme meines Rucksacks. Der Kauf dieses Trockenfutters hatte sich gelohnt, denn er verschlang es, als hätte er nie so ein Futter bekommen. Hatte er auch noch nie; es war sogenanntes Feuchtfutter.

Echternach liegt knappe 21 Kilometer entfernt und in Luxemburg. Übernachten werden wir wahrscheinlich in Echternacherbrück, das ist erheblicher preiswerter. Der Einstieg in den Jakobsweg war einfach zu finden. „Ihr geht aus dem Haus nach rechts und gleich an der Kreuzung nach links“, verabschiedete sich der Sohn, stieg in sein Auto und fuhr nach Luxemburg. Bei 0 Grad und mit enorm kaltem starken Wind von vorn bewegten wir uns eingepackt wie im Winter zum angrenzenden Wald, in der Hoffnung auf natürlichen Schutz. „Wir können uns Zeit lassen“, sagte Hans am Frühstückstisch. „Es geht immer geradeaus ohne nennenswerte Steigungen“. Wir verließen die Häuser, die sich dem kalten Wind entgegenstellten und stießen auf einen eher anspruchslosen Weg in den Wald, der uns vor Wind und Schneefall schützte. Es lief sich angenehm auf dem Waldboden immer mehr an Höhe gewinnend, als plötzlich das Jakobsschild uns gnadenlos signalisierte, hier geht steil nach rechts. Es ging über eine lange Strecke steil bergauf, bis endlich der Höhenweg einsetzte, dem wir mehr oder minder bis Bollenhagen folgten und über die Brücke nach Luxemburg, immer an der Sauer entlang, in Echternach eintrafen. Während wir auf der deutschen Seite bis Bollenhagen ausschließlich dichten Schneefall hatten, begleitete uns nun auf der luxemburgischen Seite der Sauer die Sonne. In Trier deckte ich mich erst einmal mit neuer Kleidung ein. Es ist nicht leicht für mich, mich daran zu gewöhnen, über einen so langen Zeitraum die gleiche Kleidung zu tragen. Die Beratung war intensiv und brauchte Zeit, die Fero sofort für ein Nickerchen mitten im Geschäft nutzte, um wieder für die nächsten Gänge fit zu sein. Ich finde es faszinierend, wie schnell er gelernt hat, die wenige freie Zeit am Tag für ein kurzes Schläfchen zu nutzen.

Die zweite längere Etappe führte uns von Trier nach Vezelay über Metz, Vaucouleurs, Les Riceys, Tonnerre und Chablis.  Fero ist schon besonderer Vertreter seiner Rasse. Ich bin immer wieder überrascht, zu welchen Qualitäten dieser Hund fähig ist. Er schläft übrigens tief und fest. Auf dem Weg von Perl nach Schengen, wir waren gerade am Ortsausgang, bogen um die Ecke, ging nur wenige Meter vor uns ein Herr mit Rucksack, Jakobsmuschel am Rücken und Pilgerhut. Plötzlich fing Fero an zu bellen, zerrte an seiner Leine und ließ sich überhaupt nicht beruhigen. Die Begegnung mit dem Pilger verlief für ihn sehr enttäuschend, es war nicht Hans, sondern nur diese fremde Person, die er aufgrund der ähnlichen Utensilien für Hans gehalten hatte. Mosel links, Mosel rechts und zur Abwechslung auch mal den Moselkanal, der in weiten Teilen einem mit Algen überdeckten Teich ähnelte. Nur mit Mühe konnte ich Fero davon abhalten, diese Brühe zu saufen und in dieser zu baden. Irgendwann aber, es waren flachauslaufende Uferzonen der fließenden Mosel, gab ich ihm die Erlaubnis, aus dem Fluss zu trinken und ausgiebig zu schwimmen, was er sichtlich genoss. Heute war es gar nicht so heiß, aber manchmal übertreibt er mit seinem Ins-Wasser-Gehen. Aus dem Wasser kommend, zeigte er seine geballte Lebensfreude. Er tobte, hüpfte um mich herum, lief in einem Höllentempo nach vorn, um im gleichen Atemzug wieder bei mir zu sein. Schnappte sich ein Stöckchen, warf es nach oben, fing es wieder auf und lief erneut davon. Er hat nicht gewusst, dass wir noch einige Kilometer zu laufen hatten; er hätte sich sonst seine Energie bestimmt anders eingeteilt. Aber so lang und so anstrengend war es nicht. Die meiste Zeit liefen wir im Halbschatten; auch war der Himmel die meiste Zeit bedeckt. Kurz vor dem Ziel wurden uns dann doch ein paar Körner abverlangt. Eine kurze, aber knackige Steigung brachte uns auf die Höhe, von der ich laut Beschreibung einen wunderschönen Panoramablick über das Moseltal haben sollte. Das muss wohl vor Jahren gestimmt haben; zurzeit trifft das nicht zu, alles ist zugewachsen und damit der „besondere Blick“ eingeschränkt. Spaß gemacht hat es dennoch, an Weinbergen, Kühen und Pferden vorbei in den Ort Novéaunt-sur- Moselle zu laufen.

Der Starkregen ließ nach und somit hielten uns nichts und niemand auf, den ausgewählten Pfad zu gehen. Nach einigen hundert Metern fiel mir auf, dass die in der Literatur angegebenen Daten nicht mehr mit meinem Weg übereinstimmten, was nichts heißen musste, denn Veränderungen am Jakobsweg waren durchaus normal. Meine Skepsis wurde auch sofort beruhigt, der weißrote Balken wies uns wieder den Weg, leider in die falsche Richtung. Das wurde von zwei Herren in einem Landrover, die netterweise auf mein Winken hin anhielten, bestätigt. „C`est le chemin a Tonnerre?“, fragte ich völlig durchnässt. „No“, kam es kurz und knapp, „a Ètourvy“ und ließen mich im Regen, der uns waagerecht entgegenpeitschte, stehen. Zudem war es eiskalt, das waren keine französischen Temperaturen. Das „merde“ konnten sie nicht mehr hören,  den ganzen Weg wieder zurück. Erschwerend kam noch hinzu, dass der weiche Lehmboden unter den Schuhen kleben blieb und das Laufen stark einschränkte. Schritt für Schritt wuchs ich über mich hinaus, mit dem Nachteil, dass meine Schuhe mehr und mehr an Gewicht zunahmen. Ein weiteres Handycap waren einige zum reißenden Bach mutierte Wanderwege, die trockenen Fußes nicht zu begehen waren. „Warum tust du dir das an?“; diese Frage habe ich mir in diesen speziellen Situationen natürlich gestellt, nahm aber zugleich wieder davon Abstand, wenn die Sonne uns wärmte und der Wein, den man hier trinkt, ein weißer Tonnerre ist. Nur, das scheint mir sicher, weitere solcher Tage möchte ich nicht erleben, überhaupt nicht nacheinander. Fero schläft. Er war heute derjenige, der mich immer wieder ohne Leine nach vorn gezogen hat und versuchte, mich zum schnelleren Wandern zu bewegen. Achtundzwanzig Kilometer in weniger als sechs Stunden, angetrieben durch Fero, der die Nässe genauso satt hatte wie ich. Schnell ins Zimmer, Wasser  und Futter für Fero und danach das Fell trockenrubbeln. Anschließend Wäsche einweichen, duschen, Wäsche waschen und hoffen, dass sie bis morgen trocken wird.

Mein Badeshort ist nicht mehr zu gebrauchen und daher beschloss ich, mir hier in Periqueux einen neuen zuzulegen. „Bon soir Monsieur“, begrüßte mich der Inhaber des Geschäftes und streichelte Fero, der das alles über sich ergehen ließ. Der Kauf meines Shorts stand überhaupt nicht im Mittelpunkt; den Platz nahm mein Hund ein. Auf die Frage, ob das ein Briard sei, teilte ich ihm mit, dass es ein Gos d´Atura Catala sei. „Ah“, entgegnete er „un berger de catala.“ Zwischendurch bekam ich meine Badehose lieblos reingereicht, die ich anprobierte, wobei in dem Moment Fero seinen zugewiesenen Platz verließ. Ich sprang sofort mit Badeshort, Socken und Regenjacke aus der Umkleidekabine. Der Inhaber des Geschäftes hatte Fero zu sich gerufen, bekuschelte ihn ausgiebig und erzählte dabei von seinen Hunden. Früher hätte er Briards und Piccards gehabt, aber momentan züchte er Weimarer. Er erzählte und erzählte, zeigte mir Fotos von Mama und den Kleinen. Er war überhaupt nicht zu stoppen, während ich in dieser ungewöhnlichen Bekleidung neben ihm stand und meinen Kommentar abgab. Der Höhepunkt unserer Unterhaltung war mein Hinweis, dass Fero mehrfacher Champion sei, auch schon Nachwuchs gezeugt habe und mit mir den Camino laufe. Von dem Hund und meinem Vorhaben derart fasziniert, ging er auf sein Personal zu und überbrachte das so eben Gehörte. Als ich endlich dazu kam, den Short zu bezahlen, wünschte er mir noch alles Gute auf meinem Weg und meinte, dass das eine gute Idee sei und er hoffe, so etwas auch einmal durchführen zu können.

Die Nacht in der Herberge in Saint Jean Pied de Port war ruhig. Ana Maria gab mir den Schlüssel für das Haus. „Ab 10.00 Uhr ist alles sauber, ist das in Ordnung für dich?“, fragte sie mich. Für mich war das mehr als in Ordnung, es war fantastisch. Wir hatten ein Zimmer für 35 € mit Frühstück. Super. Den Morgen verbrachte ich mit organisatorischen Dingen, denn ich wollte am nächsten Tag meine Tour nach Spanien fortsetzen. Ich wusste, dass wir keine Übernachtung bis Roncevalles bekommen würden, also begaben wir uns zur Touristeninformation und bekamen die Info, dass es möglich sei, mit dem Bus oder dem Taxi auch mit Hund über die Pyrenäen zu fahren. „Es gibt ein Sammeltaxi“, sagte mir die freundliche Mitarbeiterin, den Blick nicht von Fero lassend. Wie sagte doch die Engländerin in Cravant, Fero ist ein Eisbrecher. Morgen geht es nach Spanien.

Fero de las landas del Sur

Zuchtbuchnr.: VDH 12/077 01104

Geburtsdatum: 07.09.2012

Geschlecht: männlich

Rasse: Gos d'Atura Català

Farbe: arena

Chipnummer: 276096901155110

Mutter: Carlotta de las landas del Sur

Vater: Sandro Merza

Zwinger: de las landas del Sur

Züchter: Schünemann, Caren

Besitzer: Dietmar Bräuer

Größe in cm: 53,5
 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Katrin Beha